Frage: Ich habe für meine kumulative Dissertation mittlerweile drei peer-reviewte Artikel in renommierten Zeitschriften veröffentlicht. Habe ich damit meine wissenschaftliche Befähigung nicht mehr als genug unter Beweis gestellt? Warum muss ich jetzt auch noch einen Manteltext schreiben?
Antwort: Ich kann Ihre Frage gut verstehen. Da Ihnen erfahrene Fachpersonen bereits in drei unterschiedlichen Peer-Review-Verfahren die fachliche Qualität Ihrer Forschungsbeiträge bestätigt haben, kann der Manteltext leicht wie eine künstliche Zusatzaufgabe erscheinen. Um aber die Funktion des Manteltextes im Rahmen Ihrer Dissertation genauer zu verstehen, hilft es, kurz auf die Historie der Doktorarbeit in Deutschland zu schauen.
Die klassische Monografie und die kumulative Dissertation
In der Frühzeit der Promotion war die Dissertation nurmehr ein Thesenpapier, welches die Grundlage für die wichtigere mündliche Disputation darstellte. Doch im Laufe des 18. Jahrhunderts verschob sich die Gewichtung von der mündlichen Prüfung hin zu einer vollständig ausgeschriebenen schriftlichen Leistung: der Inauguraldissertation. Diese wurde rasch zu einer eigenen und speziellen Textgattung, stellt doch bis heute die Dissertation im Feld wissenschaftlichen Publizierens die eine und einzige Textgattung dar, die – abgesehen vom ehrenhalber verliehenen Doktor h. c. (honoris causa) – zum Erwerb eines Doktortitels führt.
Im Vergleich mit der klassischen Monografie, die bis zu ihrer heutigen Form also gut 200 Jahre Entwicklung hinter sich hat, ist die auch „Publikationspromotion“ genannte „kumulative Dissertation“ ein noch ganz junges Format. Zwar gab es auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts vereinzelt die Verleihung des Doktortitels für mehrere Fachartikel, doch erst ab den 1990er Jahren fand die kumulative Dissertation als offizielle Alternative zur Monografie nach und nach Eingang in die Promotionsordnungen. Und auch wenn dieses Format mittlerweile in manchen Disziplinen der Natur- oder Ingenieurwissenschaften zum Standard geworden ist, hat es dennoch im Vergleich mit der Monografie noch keine stabile Tradition ausgebildet. Darum gilt die Monografie immer noch weitestgehend als Referenz und Maßstab für die zu erbringende Promotionsleistung.
Vergleichbarkeit mit einer Monografie herstellen
Für die kumulative Dissertation bedeutet das, dass sie mit einer klassischen Monografie vergleichbar sein soll. Wenn nun die Monografie traditionellerweise verstanden wird als ein einzelnes, in sich geschlossenes Werk zu einem einzelnen Thema, Gegenstand oder Problem, dann soll die kumulative Dissertation nicht aus disparaten, voneinander unabhängigen Fachartikeln bestehen. Doch auch, wenn die Artikel in einem inhaltlich-thematischen Zusammenhang stehen, stellen sie noch keine Dissertationsschrift im Sinne der Textgattung dar. Damit Ihre kumulative Dissertation sowohl der Textgattung entspricht als auch einer Monografie vergleichbar wird, müssen Sie eine inhaltliche und eine formale Vorgabe erfüllen:
Inhaltlich sollen Sie den thematischen Zusammenhang der einzelnen Artikel untereinander und unter dem Dach eines übergeordneten Themas oder einer übergeordneten Fragestellung darlegen. – Diesen Zusammenhang stellen Sie im Manteltext Ihrer kumulativen Dissertation dar.
Formal reichen Sie dann im Prüfungsamt alles zusammen – den Manteltext und die Artikel – als gebundene Dissertationsschrift ein, die im Sinne der Textgattung das eine Werk darstellt, für welches Sie dann auch den Doktortitel verliehen bekommen können.
Dieses Verständnis spiegelt sich beispielsweise auch in der Promotionsordnung der Universität Kassel wider, wenn es dort heißt: „Die Beiträge müssen thematisch-inhaltlich in einem Zusammenhang stehen und zum Gebiet der Promotion zugehörig sein. Sie sind in einer Dissertation zusammenzuführen.“1
Erst der Manteltext macht die Dissertation
Zur Dissertationsschrift werden Ihre Artikel also erst und nur zusammen mit dem Manteltext. Ihre Schreibaufgabe besteht demnach darin, in diesem Teil Ihrer Dissertation die Einheit Ihrer Promotionsleistung herzustellen und die Einzelpublikationen in ihrem Bezug zum inhaltlichen Kern des Promotionsprojektes zu verorten und miteinander zu verbinden.
Mit herzlichem Gruß aus dem [schreibzentrum.berlin]
Ihr
Dr. Sven Arnold
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Literatur:
1 Universität Kassel: Neufassung der Allgemeinen Bestimmungen für Promotionen an der Universität Kassel (AB-PromO) vom 14.07.2021, § 7 Punkt 3 b. In: Mitteilungsblatt der Universität Kassel Nr. 16/2021 vom 24.09.2021 [aufgerufen am 17.01.2025].